Weihnachtsgeschichte “Marie macht Schnee “

Autor: Sabine Ludwigs aus „Kunterbunter Weihnachtskram“

In diesem Jahr ärgere ich mich nicht, beschließt Marie, als sie am Samstagmorgen die Augen aufschlägt und versonnen den Adventskalender betrachtet, der an der Wand neben dem weihnachtlich geschmückten Fenster hängt. Bestimmt nicht, denkt sie. Sie springt aus dem Bett und nimmt sich zum dritten Mal fest vor: Diesen Dezember werde ich mich auf keinen Fall ärgern lassen!
Barfuß tappt sie zum Kalender, den sie vorgestern geschenkt bekommen hat. Und zwar von der Schluckertante, so nennen alle Leute die winzige alte Frau, der das Süßigkeitengeschäft an der Ecke gehört. „Weil du immer so hilfsbereit bist, Marie“, hat die Schluckertante zu ihr gesagt und laut gelacht. „Dies ist ein ganz besonderer Kalender für ein ganz besonderes Mädchen.“ Denn das muss man wissen: Marie macht oft kleine Erledigungen für die Schluckertante. Sie bringt Briefe zum Postkasten, holt Brot oder hilft ihr, die Einkaufstaschen zu tragen. Marie mag die Schluckertante. Und offensichtlich mag die Schluckertante Marie – auch deshalb hat sie ihr wohl den Adventskalender geschenkt.
Der Kalender ist blau. Ein schönes Blau, wie die Tinte aus Maries Füller. Ein Mädchen ist darauf zu sehen. Es steht auf einem verschneiten Hügel, neben sich einen Holzschlitten. Sie trägt Stiefel, einen Mantel, Mütze, Fäustlinge und einen langen Schal. Alles in Zuckerwatteweiß. Der Schal und ihr heller Haarzopf flattern im Winterwind.
Das Mädchen hat die Arme erhoben und den Kopf zurückgelegt. Lachend schaut es in den Himmel, aus dem Schneeflocken über Schneeflocken herabfallen wie Flittersterne.
Wunderschön ist der Kalender! Er ist überall mit silbernem und eisfarbenem Glitzerpuder bestäubt, der wie Raureif aussieht. Am liebsten würde Marie sich auf den Schlitten setzten und durch das Flockengewimmel den Hügel runtersausen! Oder die Arme heben und es schneien lassen, wie es das lachende Mädchen offenbar tut, das Schneemariechen, wie die Schluckertante es mit einem Augenzwinkern genannt hat.
Natürlich ist es völlig unmöglich, zu dem Mädchen auf dem Kalender zu gehen. Leider! Marie würde sich gerne dahin verdrücken. Weil nämlich Dezember ist. Der Monat, an dem sich die meisten Kinder das Gleiche wünschen: Schnee.
Und hier fangen Maries Ärgernisse an. Das liegt an ihrem Nachnamen. Sie heißt nämlich – und findet es kein bisschen lustig – Holle. Ja, genau wie die Frau Holle, die ihre Betten ausschüttelt, damit es im Winter schneit. Das bedeutet, dass Marie Holle sich in der Weihnachtszeit die dämlichsten Sprüche anhören muss:
„He, Fräulein Holle, lass es schneien, aber zackig.“ – „Ich will einen Schneemann bauen, wie wäre es mit dem Schnee dazu?“ – „Wir haben Lust auf ‘ne Schneeballschlacht, also sieh zu, dass du deine Kissen ausschüttelst!“ – „Wann können wir zu den Rodelhängen, Fräulein Holle?“ – „Immer schön locker-flockig bleiben!“ – Und, und, und! Dazu Lachen, Kichern, Giggeln und Rumalbern. Als ob das die besten Witze wären, die diese Welt je gehört hat! Richtig schlechte Laune bekommt Marie davon. Dann wünscht sie sich, dass sie einen anderen Nachnamen hätte. „Sommer“ wäre schön, weil es das Gegenteil von Winter ist und nichts mit Schnee zu tun hat. „König“ findet sie auch nicht schlecht. Am liebsten aber hieße sie „Fee“. Marie Fee! Hach, wie das klingt! Da würden die anderen Mädchen vor Neid platzen!
Aber sie heißt nun mal Holle. Punktum. Marie seufzt. Aber dann befasst sie sich lieber wieder mit dem Adventskalender, dabei tritt sie aufgeregt von einem nackten Fuß auf den anderen. Eifrig sucht sie nach dem ersten Türchen, als es ihr auffällt.

Es gibt eine Stelle in der Mitte des Adventskalenders, die ist nicht weiß und auch nicht blau. Sie hat die Größe einer Centmünze und leuchtet so rosa wie die Wolken, wenn in der Himmelsbäckerei die Backöfen glühen. Das ist das einzig andersfarbige Fleckchen auf dem Bild. Die Schneemarie hält das rosafarbige Dings, man kann nicht erkennen, was es ist, in der Hand. Fallen da Schneeflocken hinein? Oder schneien welche heraus? Schwer zu sagen! Jedenfalls verbirgt sich hinter dem rosa Dings das dritte Türchen. Und das darf erst übermorgen geöffnet werden, am Montag.
Obwohl das Rosa ziemlich neugierig macht, das muss Marie zugeben. Um ein Haar hätte sie hinter die Nummer drei geschaut. Aber da entdeckt sie das erste Tor, direkt auf dem Schlitten. Vorsichtig klappt sie es auf, und zuckt erschrocken zusammen! Das … das Türchen quietscht! Laut und deutlich, wie es sonst nur das Gartentor in seinen rostigen Angeln tut.
Hinter dem Quietschetürchen verbirgt sich eine Leckerei, die Marie noch nie in ihrem Leben gesehen hat: eine glitzernde Kristall-Schneeflocke aus beinahe durchsichtigem Zucker. Marie mag sie kaum in den Mund stecken, so märchenhaft schaut sie aus!
Aber schließlich, denkt sie sich, schließlich sind Süßigkeiten zum Naschen da. Also steckt sie die Zuckerflocke in den Mund. Hm, die schmeckt köstlich! Wie die süße Glasur auf den klebrig roten Äpfeln am Holzstiel vom Weihnachtsmarkt, die Marie über alles liebt. Vor lauter Freude muss sie kichern.
Sie beschließt, niemandem etwas zu verraten. Das mit dem Gequietsche würde eh kein Mensch glauben. Und wenn sie es vorführt, würde jeder an ihrem Kalender herumfummeln wollen! Außerdem fühlt es sich aufregend an, ein eigenes Weihnachtsgeheimnis zu haben. Sie ist schon ganz gespannt, wie es bei dem zweiten Türchen sein wird.
Und tatsächlich – am nächsten Morgen geschieht es wieder: Das Türchen am Adventskalender quietscht vernehmlich, als Marie es aufklappt. Eine zuckrige Schneeflocke kommt zum Vorschein. Sie hat eine andere Form als die vom Tag zuvor und die Farbe von Kandiszucker – ist aber ebenso lecker.
Dann kommt der Montag und das dritte Türchen ist an der Reihe, das in dem rosa Dings. Endlich! Es quietscht vielversprechend. Ein blassrosa Tütchen fällt heraus, direkt vor Maries Füße.
Erstaunt bückt sie sich. Das Papier knistert in ihren Händen. Es fühlt sich an, als wäre Brausepulver drin, denkt Marie noch, da ruft ihre Mutter: „Marie, beeil dich! Lotta ist da.“
Also stopft Marie das Beutelchen hastig in die Hosentasche, zieht Jacke und Stiefel an und macht sich mit ihrer besten Freundin Lotta auf den Schulweg.
„Hast du gesehen? Da drüben geht die eingebildete Anna-Lena“, zischt Lotta. „Zusammen mit Caro. Lass uns verschwinden, ehe es losgeht.“
Zu spät! Anna-Lena und Caro haben Marie entdeckt und singen in brüllendem Ton: „Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst du geschneit?“
„Mach dir nichts draus“, tröstet Lotta. „Die sind einfach nur doof.“ Sie greift nach Maries Hand. Zusammen rennen sie um die nächste Hausecke und hängen die Mädchen ab.
Doch auf dem Schulhof schallen Marie die gleichen Sprüche wie jedes Jahr um die Ohren. Schnee hier, Betten ausschütteln da, Winterwetter von links, Fräulein Holle von rechts und Blablabla. Marie kann es nicht mehr hören!
Und auf einmal – sie weiß selbst nicht, warum – kramt sie das rosa Tütchen aus ihrer Tasche hervor, reißt es auf und schüttet das weiße, staubfeine Pulver, das sich darin befindet, in den Wind. Sofort greift eine Böe danach, trägt es weit, ganz weit hinauf in die Luft, wo sich das pudrige Zeug mit einem geheimnisvollen Funkeln aufzulösen scheint.
„Da habt ihr euren Schnee“, brüllt Marie genervt und schaut mit blitzenden Augen um sich. „Seid ihr nun zufrieden?“
Es wird ganz still. Kaum jemand, der sie nicht anstarrt. Und dann geschieht ein kleines Wunder: Plötzlich taumelt eine einzelne riesige Schneeflocke zur Erde. Langsam, ganz langsam, wie eine weiße Feder.
Eine zweite folgt. Drei, vier, fünf. Zehn. Zwanzig! Es werden immer mehr, so viele, dass sie nicht mehr zu zählen sind und es ein waschechtes Schneegestöber gibt. In kurzer Zeit ist alles wie überzuckert.
„Boah“!, ruft Anna-Lena und schaut ungläubig in die Wolken über sich. „Boah, das gibt‘s doch gar nicht!“ Ihre Augen werden rund vor Staunen. Ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. „Hurra!“, schreit sie auf einmal fröhlich. „Hurra, Marie Holle hat Schnee gemacht.“
Da erwachen alle aus ihrer Erstarrung. Der erste Schnee des Jahres ist der schönste, so viel steht fest! Während des Unterrichts schaut jeder aus dem Fenster, selbst der Lehrer. Und in der großen Pause kann man sogar schon Schneebälle formen. Die Kinder lachen, lärmen und rennen herum. Sie legen den Kopf zurück und fangen die Schneeflocken mit der Zunge auf.
Maries Flocken schmecken nach der süßen Glasur auf den klebrig roten Äpfeln am Holzstiel vom Weihnachtsmarkt. In diesem Jahr, denkt sie, ist alles anders. Zufrieden gluckst sie in sich hinein.

 

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