Weihnachtsgeschichte "Flötentöne" - frohe-weihnacht.net

Weihnachtsgeschichte "Flötentöne"

Autor: Sabine Ludwigs aus „Kunterbunter Weihnachtskram“

Nur noch kurze Zeit bis Heiligabend. Michelle stöhnt zum Steinerweichen. Es ist Sonntagnachmittag, und sie ist nicht mit ihren Eltern auf den Weihnachtsmarkt gegangen. Stattdessen sitzt sie in ihrem Zimmer und schwitzt. Dunkle Haarsträhnen kleben ihr an der Stirn. Ein Schweißtropfen kullert über die Sommersprossen, die ihre Nase sprenkeln wie klitzekleine Spritzer aus Lehm.
Auch ihre Finger, die hölzern auf den Löchern der Blockflöte liegen, sind schweißfeucht. Und ihr Mund, den sie steif über das Mundstück gestülpt hat, tut schon richtig weh. Die Noten in dem Musikbuch auf dem Notenständer scheinen vor ihren Augen abwechselnd zu verschwimmen oder herumzuhüpfen.
Das alles ist schlimm genug! Doch am schlimmsten ist, dass sie es trotz aller Anstrengungen nicht schafft, Stille Nacht zu spielen. Weder mit dem verflixten Musikbuch noch ohne. Als Anfängerin kann sie Noten noch nicht so gut lesen. Und sie sich merken und das Stück auswendig spielen klappt ebenso wenig.
Dabei möchte sie das Lied unter dem Tannenbaum als Weihnachtsüberraschung für ihre Eltern vortragen! „Wenn das so weitergeht“, sagt sie ärgerlich zu der Blockflöte, „wird daraus wohl nichts werden.“
Wieder einmal holt sie tief Luft und setzt die Flöte an die Lippen, um von vorn zu beginnen. Da gibt es plötzlich einen unglaublichen Knall draußen am Fenster! Vor Schreck zischt Michelles Atem, sodass ein schräger Heuler aus der Blockflöte schrillt.
Mit kugelrunden Augen schaut sie zum Fenster. Ist ein Vogel gegen die Scheibe geknallt? Das ist schon mal passiert. Nein, kein Vogel. Stattdessen entdeckt sie ein blasses Gesicht mit ähnlichen Sommersprossen, wie sie selbst welche hat. Das Gesicht ist platt gegen das Glas gequetscht. Es rutscht ganz langsam mit einem Quietschen daran herunter, bis es nicht mehr zu sehen ist. Nur eine Schliere bleibt zurück. Dafür hört Michelle kurz darauf ein Plumpsen und Platschen.
Danach ist es still.
Michelle zwinkert mit den Augen, als würde sie aus einem Traum erwachen. Ihr Zimmer liegt zwar ebenerdig. Trotzdem macht sie sich Sorgen um die Gestalt da draußen. Im nächsten Moment stürmt sie hinaus auf die Gartenterrasse.
Ein Junge liegt in einer Regenpfütze, alle Viere von sich gestreckt. Er schaut zu ihr auf, als sie sich über ihn beugt. Wehleidig verzieht er das Gesicht. Dabei stößt er mehrere Ächzer aus, bevor er sich mühsam aufrappelt. Auf seiner Stirn prangt eine fette Beule, die langsam blau anläuft.
„So ein Mist!“, zetert der Junge. Er schleudert einen Ast, den der Wind abgerissen hat, gegen die Fensterscheibe von Michelles Zimmer. „Warum, verdammt, ist dein dämliches Fenster nicht geschmückt? Keine Sterne, kein Schnee, keine Engel, kein Weihnachtskranz, kein Lichterbogen – nichts! Da soll einer erkennen können, wo die Drecksscheibe ist! Kein Wunder, dass man in der Dämmerung dagegenkracht!“
„Ich weiß, wir sind spät dran mit dem Lichterschmuck“, stammelt Michelle verdattert. „Wir sind einfach nicht dazu gekommen, weil wir gerade erst hergezogen sind.“ Plötzlich wird sie wütend. „Außerdem, was kann ich dazu, dass du auf meiner Fensterbank herumkletterst und dich stößt? Was hast du überhaupt in unserem Garten zu suchen? Und wieso glotzt du durch mein Fenster?“
„Hör auf, mich anzuschreien“, brüllt der Junge mit den roten Locken, an denen eine Brise übermütig herumzupft. „Schließlich bin ich nur deinetwegen hier!“
„Ach nee!“, brüllt Michelle zurück, weil ihr erstens nichts Gescheiteres einfällt und weil sie zweitens etwas entdeckt hat: Der Junge hat Flügel an den Schulterblättern.
Gut, sie sind nass von der Pfütze, in der er gelegen hat und in der er nun steht. Regenwasser tropft von ihnen herunter und die Federn, von der gleichen Farbe wie sein Haar, stehen so zerzaust ab, als hätte er sie gesträubt. Trotzdem sehen sie bildschön und beinahe echt aus.
Nicht nur beinahe, verbessert sich Michelle in Gedanken. Die Dinger sehen voll echt aus! Bis auf die Farbe natürlich.
„Coole Verkleidung“, sagt sie, dabei fährt sie bewundernd über das Gefieder. Trotz der Nässe fühlt es sich warm an. „Ich dachte, Engel hätten weiße Flügel.“
„Verkündungsengel ja.“ Der Junge schiebt mürrisch ihre Hand weg. „Mit Silberspitzen.“
„Aha“, macht Michelle und findet es eigenartig, dass der Junge keine weißen Flügelattrappen trägt. „Muss ein komisches Krippenspiel sein.“
„Wieso komisches Krippenspiel?“, fragt der Rothaarige.
„Na, weil du einen rot geflügelten Engel spielst.“
„Erstens spiele ich in keinem Krippenspiel oder sonst einem lahmen Theaterstück irgendeinen Engel. Und zweitens haben Flügel immer die gleiche Farbe wie die Haare.“
Er schüttelt das Gefieder. Feine Regentröpfchen sprühen Michelle ins Gesicht. Sie zieht eine Grimasse. Der Junge lacht.
„Wie … wie hast du das gemacht?“ Vorsichtig fasst Michelle noch einmal einen Flügel an. „Gibt‘s da irgendeinen Mechanismus?“
„Mechanismus!“ Der Junge lacht lauter. „Mensch, kapierst du nicht? Das sind einfach bloß Flügel. Echte, richtige Flügel zum Fliegen. Engelsflügel.“
Michelle schnaubt verächtlich. „Na klar. Sonst noch was, du Blödian?“ Sie wendet sich ab, um ins Haus zurückzugehen. „Such dir jemand anderen, den du verkohlen kannst. Und raus aus unserem Garten, aber dalli!“ Wütend zieht sie ab.
„He, Michelle“, ruft der Junge ihr nach. „Ich bin kein Blödian, sondern Anael.“
„Wer?“ Michelle bleibt stehen und dreht sich um. „Und woher weißt du, wie ich heiße?“
„Ich bin Anael“, wiederholt er. Langsam breitet er seine Schwingen aus und verkündet feierlich: „Anael junior, um genau zu sein. Dein ganz persönlicher Musikengel.“
„Mein Musikengel?“ Zögernd geht sie zurück.
„Ja. Jeder, der Musik macht, hat einen.“ Der Junge, Anael, zieht eine Grimasse. „Obwohl es keine große Freude macht, dein Musikengel zu sein. Das muss ich dir leider sagen. Ich bekomme regelmäßig Kopfschmerzen von deinem Geflöte.“

Michelle lacht verächtlich.
„Was gibt es da so doof zu lachen?“, fragt Anael. Verdrossen faltet er seine Flügel wieder zusammen.
„Ganz einfach! Du siehst kein bisschen wie ein Engel aus. Echte Engel laufen barfuß. Sie tragen Engelskleider, klar? Himmlische Gewänder! Keine Stiefel und Jeans und Winterjacken. Außerdem haben sie einen Heiligenschein. Und weiße Flügel. Keine braunen, schwarzen, blonden oder roten. Sie bekommen nie, niemals Kopfweh! Und sie sagen auch nicht solche Sachen wie ‚Mist‘, ‚verdammt‘ oder ‚dämlich‘ und ‚Drecksscheibe‘. Das weiß doch jedes Kind.“
„Pfff“, zischt der Junge. „Woher will das denn jedes Kind wissen? Bloß weil ihr Menschen glaubt, wir würden tagein, tagaus lange Hemden tragen, Posaunen blasen, Harfen zupfen und mit Heiligschein sacht durch die Gegend schweben, wie man es häufig auf euren Bildern sieht, müssen wir das noch lange nicht tun.“
„Außerdem …“, fährt Michelle fort, als hätte er gar nichts gesagt.
„Ja? Außerdem?“ Er tritt ganz dicht an Michelle heran.
„Außerdem können sie fliegen.“ Triumphierend schaut sie ihm in die Augen, die grün sind wie Tannennadeln.
„Meinst du, in der Art?“
Michelle macht einen gehörigen Satz nach hinten vor Überraschung – denn vor ihren ungläubigen Blicken schwebt der Junge mit den rot gefiederten Flügeln ein paar Zentimeter über der Pfütze, in der er vorhin noch gelegen hat. Dabei lacht er ein geradezu knatterndes Lachen, bevor er sanft wieder aufsetzt, mitten in der Wasserlache.
„Das gibt‘s nicht“, ächzt Michelle ungläubig. „Dann ist es also wirklich wahr?“
„Ja.“
„Wow! Das ist der Hammer!“ Sie streicht über ein paar flaumige Federn.
„Wie gesagt“, fährt der Anael grinsend fort. „Ich bin dein Musikengel – und ich kann dir bei deinem Problemchen helfen.“
„Welchem Problemchen?“
„Welchem Problemchen?!“ Anael ist fassungslos. „Soll das ein Witz sein?“ Er trabt unter Michelles Fenster. Dort hebt er ein Etuikästchen auf, das ihm wohl hingefallen sein muss, als er gegen die Scheibe flog. Er hält es hoch und schwenkt es dabei hin und her.
„Ach das.“ Michelle weiß auf Anhieb, was da drin steckt. „Sag bloß, du spielst auch Blockflöte?“
„Genau!“
„Krass“, krächzt Michelle. „Das ist echt krass. Im Himmel wird also Blockflöte gespielt?“
„Im Himmel wird jedes Instrument gespielt.“
„Auch Schlagzeug?“
„Klar. Gabriel zum Beispiel ist ein echt guter Drummer.“ Anael verzieht keine Miene.
„Der Erste Verkündungsengel ist ein Schlagzeuger?“ Michelle kann nur noch hauchen.
„Was ist daran Besonderes?“ Anael runzelt fragend die Stirn.
„Nichts. Eigentlich“, antwortet Michelle zögernd, als sie darüber nachdenkt. „Ich kann mir das bloß nicht vorstellen.“
„Na ja, mach dir nichts draus. So seid ihr Menschen eben. Ihr habt nicht genug Fantasie. – Verziehen wir uns nach drinnen und spielen, oder was?“
„Warum nicht.“
Sie gehen in ihr Zimmer, wo sie zuschaut, wie er eine silberne Blockflöte mit sternförmigen Löchern aus dem Köfferchen nimmt und zusammenschraubt.
„Fertig!“ Er wendet sich Michelle zu. „Du denkst viel zu viel nach, während du spielst“, meint er altklug. „Das verkrampft. Versuch das zu lassen, wenn wir zusammen Musik machen. Und schau auf meine Finger, damit du siehst, wie ich spiele. Mir hat das in meiner Anfangszeit sehr geholfen!“
„Okay“, antwortet Michelle – und sie tut, was Anael ihr geraten hat. Sie schaut nicht auf das Notenblatt, sondern auf Anaels Hände.
Anfangs holpert es noch mit der Melodie. Aber je öfter sie Anaels Finger über die Sternenlöcher huschen sieht, desto einfacher fällt es ihr, das auf ihrer eigenen Blockflöte nachzumachen. Und irgendwann, es kommt ihr wie ein kleines Wunder vor, irgendwann flötet sie Stille Nacht fehlerfrei.
Ihr Gesicht glüht vor Freude. Atemlos schaut sie Anael, ihren ganz persönlichen Musikengel, an. „Danke“, flüstert sie. „O Anael, ich danke dir!“
„Schon okay.“ Anael lacht sein knatterndes Lachen. „Das ist schließlich meine Aufgabe.“ Er räumt die himmlische Silberflöte mit den Sternenlöchern in das Etuikästchen zurück. Danach öffnet er Michelles ungeschmücktes Fenster.
Draußen ist es unbemerkt rabendunkel geworden. „Ich muss los, Michelle.“ Der Engel klettert auf die Fensterbank. „Jetzt werde ich wohl keine Kopfschmerzen mehr bekommen, wenn ich dir beim Flötenspielen zuhöre.“ Anael deutet in den Himmel. „Von da oben, wie es sich für einen Engel gehört.“ Dann breitet er seine rot gefiederten Flügel aus und flattert davon.
Am Heiligabend steht Michelle unter dem Weihnachtsbaum. Sie schaut in die erwartungsvollen Gesichter ihrer Eltern, die nebeneinander auf der Couch sitzen, und wünscht sich weit weg. An den Nordpol. In die Wüste. Auf einen anderen Planeten. Ganz egal. Nur ganz weit weg eben - denn kein einziger Flötengriff will ihr einfallen. Und die Noten in dem Musikbuch tun, was sie immer tun: Sie scheinen abwechselnd zu verschwimmen und herumzuhüpfen.
Anael, bettelt sie stumm und verzweifelt, bitte, bitte, hilf mir! Im gleichen Moment geschieht das Unglaubliche.
Draußen am Abendhimmel stehen sieben sehr helle Sterne untereinander. Ein länglich geformter Wolkenschleier, hell vom Mondlicht, hat sich um diese Sterne gelegt. Das ganze sieht aus, als wäre es Anaels himmlische Silberflöte mit den Sternenlöchern. Doch das ist noch nicht alles! Die Sterne blinken nämlich, werden heller und dunkler, als würden sich unsichtbare Finger auf die Sternenlöcher dieser Himmelsflöte legen und Michelle vormachen, was sie zu tun hat.
Von da an geht alles furchtbar einfach! Michelle spielt so fabelhaft wie nie zuvor. Danke, Anael, denkt sie dabei, vielen, vielen Dank. Im nächsten Jahr, da schaffe ich es bestimmt ohne deine Hilfe! Großes Ehrenwort, mein Musikengel mit den roten Flügeln.

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